"Sammelwut", "Stasi 2.0", "Überwachungsstaat" - Schlagworte einer entrüsteten Bürgerbewegung, quer durch alle Schichten des Landes. Grund: Die neuen Gesetze zur Verschärfung von Personenkontrolle, Datenüberwachung und Strafverfolgung. Ziel: Die Initiatoren aus dem Bundesinnenministerium, allen voran Wolfgang Schäuble. Auftrag: Stopp der neuen Sicherheitsgesetze.Die neuen bzw. verschärften Gesetze betreffen nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens: ob Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikations- oder Fluggastdaten, digitaler Reisepass mit Fingerabdruck, Auflösung des Bankgeheimnisses oder Rasterfahndung. Alles im Interesse der Verbrechensbekämpfung. Doch (nicht wenige) kritische Stimmen lehnen diese Methoden strikt ab. Sie sehen darin eine akute Bedrohung ihrer Privatsphäre und ihrer Freiheit.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble will die Rechtsordnung dieses Landes verteidigen, indem er sie abschafft.
Jenes äußerte Burkhard Hirsch, FDP-Politiker, ehemaliger NRW-Innenminister und Vizepräsident des Deutschen Bundestages 1994 bis 1998, in der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Jahr. Hirsch machte sich einen Namen durch seinen Einsatz für den Schutz der Bürgerrechte. 2005 zog er vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und kippte mit seiner Verfassungsbeschwerde das umstrittene Luftsicherheitsgesetz, welches im Notfall den Abschuss von entführten Passagiermaschinen legitimiert hätte. Die Verfassungsrichter lehnten eine Abwägung von Menschenleben zugunsten der Sicherheit ab. Zwei Jahre später legte Hirsch wieder Beschwerde ein - diesmal gegen das ebenfalls heftig umstrittene "Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung", die Vorratsdatenspeicherung also. Auch hier sieht er wieder Bürgerrechte bedroht - Menschenwürde, persönliche Freiheit, Fernmeldegeheimnis. Auch die Bundestagsfraktionschefin der Grünen, Renate Künast, beteiligte sich daran. Es sei
...ein völlig unverhältnismäßiger Eingriff in die Bürgerrechte, alle Telekommunikationsdaten der Bürger ohne jeden Verdacht zu speichern.
Prominente Kritik gibt es also reichlich - und das Bundesverfassungsgericht hat sogar vor einer Woche einem Eilantrag stattgeben, auch wenn dieser noch nicht die Entscheidung in der eigentlichen Klage betrifft: Telekommunikationsunternehmen müssen die Daten ihrer Kunden nur noch bei begründetem Verdacht auf "schwere" Straftaten an die Strafverfolgungsbehörden herausgeben. Ein Teilerfolg für die Freiheit im Kampf gegen die Sicherheit.
Dabei sah die Situation vor wenigen Jahren in Deutschland ganz anders aus: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ging auch hierzulande die Angst vor islamischen Terroristen um. Terror-Abwehrmaßnahmen und ein besserer Schutz für unbescholtene Bürger wurden gefordert - der Staat solle eingreifen.
Dies führte in den USA zum "USA PATRIOT Act" - ein umfassendes Sicherheitsgesetz das zur Einschränkung US-amerikanischer Bürgerrechte und der umfassenden Speicherung von Reisedaten von USA-Einreisenden geführt hatte sowie einer verstärkten Kontrolle der Staatsgrenzen und der Prävention von illegaler Einwanderung.
Doch inzwischen werfen viele Wolfgang Schäuble und dem Bundesinnenministerium "Panikmache" und Aktionismus vor: Horror-Szenarien eines totalitären Überwachungsstaates wie in George Orwells Anti-Utopie "1984" werden prophezeit.
Fakt ist, die Personaldecke und das finanzielle Budget reicht weder für willkürliche Schnüffeleien noch für eine absolute Überwachung unschuldiger Bürger. Zweitens ist festzuhalten: wir leben in einem demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat. Autokratische Zustände werden durch vielfältige Formen der Gewaltenteilung vermieden. Es ist unverständlich, dass man sich über das Eingreifen des Verfassungsgerichtes beschwert. Das Prüfen von Gesetzen und ihrer Verfassungskonformität ist die wesentliche Aufgabe jener Institution - anstelle eines Versagens von Regierung und Parlament und ihrer vermeintlichen Angriffe auf das Grundgesetz, sollte man lieber von der Funktionstüchtigkeit unserer Demokratie sprechen. Und außerdem wird bei aller Kritik scheinbar das Motiv vergessen: Verbrechensbekämpfung und Terrorprävention.
Natürlich versprechen jene staatlichen Unternehmungen wohl nur einen geringen Zugewinn an Sicherheit - zumal die technischen Hürden sowieso sehr hoch sind und Terroristen oft auf geheimen, schwer kontrollierbaren Wegen kommunizieren. Und natürlich gibt es Risiken - etwa die eines Missbrauchs der gesammelten Daten oder durch Datendiebstahl und nicht jeder wird sich wohl fühlen, wenn er weiß, dass seine Handlungen überwacht und möglicherweise genauer kontrolliert werden könnten. Auch Unschuldige könnten durch fehlerhaften Datenaustausch und Kontrollen Ziel von strafrechtlichen Ermittlungen werden. Aber jene Risiken sind verschwindend gering, außerdem existieren sie in allen staatlichen Behörden, die mit Bürgern und deren Daten zu tun haben. Allein sie rechtfertigen keinesfalls das Unterlassen von Abwehrmaßnahmen, die terroristische Netzwerke und Aktivitäten aufdecken und Anschläge verhindern sowie jegliche Formen von organisierter Kriminalität (z. B. bei Kinderpornographie im Internet) das Handwerk legen können. Wohlgemerkt "können", doch das Internet als Tummelplatz für Kriminelle unbewacht zu lassen, wäre wohl der größere Skandal.
Viel größer sind die Risiken bei selbst verschuldeter Offenlegung von Daten in breiter Form: ein alltägliches Horrorszenario für jeden Datenschützer und Bürgerrechtler. Egal ob in der freien Wirtschaft (beim Einkaufen mit Rabatt- bzw. Bonuskarten) oder in den zahllosen Internetportalen für Freunde, Schüler, Studenten und Verliebte - überall werden Daten (angefangen mit Geburtsdaten über persönliche Fotos bis hin zu Kontodaten) unbedacht preisgegeben. Das Risiko des Missbrauchs und der totalen Überwachung ist hier viel größer und unkontrollierter.
Es scheint, als suche man krampfhaft irgendetwas, um sich von der staatlichen Politik abzugrenzen. Vorbei sind die Zeiten der 68er, die gegen ein veraltetes Gesellschaftssystem ihre Rebellion ausdrückten und vorbei ist die Zeit eines sozialistischen Regimes gegen welches man sich auflehnen konnte. Zugegeben - das Thema ist heikel und kontrovers - aber "Stasi 2.0" geht am Kern der Sache vorbei. Wer lieber dumpfe Parolen ausgibt, als konstruktive Kritik zu üben und Lösung zu präsentieren, kann auf der anderen Seite auch nicht ernst genommen werden.